22.11.2012 - 23.11.2012 | Kassel

KLIMZUG-Nordhessen: 6. Workshop des Netzwerks Sozialwissenschaftliche Klimaanpassungsforschung

Veranstaltungsbericht zum 6. Workshop des Netzwerks Sozialwissenschaftliche Klimaanpassungsforschung am 22./23. November 2012 an derUniversität Kassel

Der 6. Workshop des Netzwerks Sozialwissenschaftliche Klimaanpassungsforschung wurde von Mitarbeitern des Forschungsvorbundes KLIMZUG-Nordhessen der Universität Kassel durchgeführt. Die drei Veranstaltungstage starteten mit einem eintägigen Doktorandenworkshop mit über zwanzig Teilnehmern bei dem sowohl Qualifikationsarbeiten diskutiert wie auch forschungspraktische Herausforderungen, Barrieren und Ziele von Promovierenden thematisiert wurden. Hierzu lieferten Heike Köckler (TU Dresden) und Gerard Hutter (IÖR Dresden) anregende Erfahrungsberichte zu Qualifikationsarbeiten im Feld der interdisziplinären Klimaforschung.

An der Hauptveranstaltung nahmen über fünfzig Sozialwissenschaftler teil. Im Fokus ihrer Beiträge standen Erkenntnisse laufender Forschungsprojekte zu den Schwerpunktthemen „Beteiligungsverfahren in der Klimaanpassung", „Handeln unter Unsicherheit" und „Erfahrungen mit transdisziplinärer Klimaforschung".

Die drei Sitzungsblöcke wurden gerahmt durch Podiumsdiskussion zur Positionierung der Sozialwissenschaften in der interdisziplinären Klimaforschung. Das Einstiegspodium startete mit Impulsbeiträgen von Uta von Winterfeld (Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie) Torsten Grothmann und Klaus Eisenack (beide Universität Oldenburg), Andreas Vetter (Umweltbundesamt) und Christoph Görg (Universität Kassel, UFZ Leipzig). Alle Beteiligten hoben die Kompetenzen sozialwissenschaftlicher Forschung bei der Problemdefinition des Klimawandels, der Problembearbeitung negativer Klimawandelfolgen und Anpassungserfordernisse und der Lösungsumsetzung hervor. Sozialwissenschaftliche Klimaforschung beschäftigt sich zwar primär mit akteurszentrierten Fragestellungen, ist jedoch mehr als eine Akzeptanzforschung zur Umsetzung ökonomischer und technologischer Lösungen. Sie liefert ebenso Beiträge zur Theoriebildung mit aktuell starkem Bezug auf Systemtheorie und Handlungstheorie, zu praxisrelevanten Lösungsstrategien und zu den sozialen Implikationen der Klimaanpassung und Risiken zweiter Ordnung. Uta von Winterfeld betonte außerdem die originäre Aufgabe von Sozialwissenschaftlern einer herrschaftskritischen Begleitung der Anpassungspolitik. Denn nicht nur die Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen kann von Konflikten begleitet sein, auch die Herausbildung von Anpassungspräferenzen und entsprechender Forschungsförderschwerpunkte ist gesellschaftlich umkämpft.

Die anschließenden Vorträge im Sitzungsblock zu Beteiligungsverfahren haben zu diesen Argumenten differenzierte Hinweise geliefert, indem sie zentrale Akteure, Instrumente, Rahmenbedingungen sowie Inklusions- und Exklusionsmechanismen der Klimaanpassung in den Phasen des Verstehens, Planens und des Anpassungsmanagements identifizierten. Die Beiträge zum Sitzungsblock zu Handeln unter Unsicherheit haben gezeigt, dass sehr disperse Ansätze im Umgang mit Unsicherheit nebeneinander bestehen, die sich zwischen Managementstrategien im Umgang mit Klimawandelrisiken, der Formulierung quantitativer Risikomarken und der Suche nach emotionalen Bewertungskritierien im Umgang mit Unsicherheit bewegen. Deutlich wurde hierbei, dass es der Unterscheidung von Subjektebene, institutionelle Ebene und strukturelle Ebene im Umgang mit Unsicherheit geschärft werden muss und Forschungsbedarf zu Transformationsblockaden und der Spannweite möglicher Handlungsoptionen besteht. Im dritten Sitzungsblock zu Transdisziplinarität wurde die Frage diskutiert, wer die Adressaten transdisziplinärer Forschung sind. Akteursgruppen haben jeweils eigene Interessenlagen. Daher muss die Gefahr der Elitenbildung und der Ausschlussmechanismen berücksichtigt werden durch transparente Verfahren im Wissenschaft-Politik-Dialog transdisziplinären Forschung. WissenschaftlerInnen können in der Anpassungsforschung die Rolle der Agendasetter übernehmen, aber nicht gleichzeitig Treiber des Politikprozesses sein. WissenschaftlerInnen werden in transdiszplinären Verbünden multiple Identitäten abverlangt durch die vielfältigen Aufgaben der Analyse, Wissensvermittlung, Moderation, Netzwerkinitiierung und Prozessevaluation.

In der abschließenden Podiumsdiskussion zu Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung im Kontext der Transformationsforschung wurden verschiedenen Optionen der weiteren Zusammenarbeit in der sozialwissenschaftlichen Klimaanpassungsforschung thematisiert. Den einführenden Thesen für eine transformative Anpassungspolitik von Achim Brunnengräber (FU Berlin) folgten statements von Marco Pütz (WSL Birmensdorf), Moritz Remig (IASS Potsdam) und Karl-Heinz Simon (Universität Kassel). In der Diskussion gab es keine einheitliche Meinung darüber, ob der Forschungsgegenstand Klimaanpassung als Klammer eines wissenschaftlichen Netzwerks geeignet ist oder ob sich zukünftige Forschungsaktivitäten nach dem Auslaufen der großen KLIMZUG-Forschungsverbünde im nächsten Jahr eher im Rahmen der Nachhaltigkeitsforschung unter Klimawandelbedingungen wiederfinden. Einigkeit bestand darin, dass Problemstellungen der Energiewende, Ressourcenkonflikte oder Ernährungskrisen verstärkt Klimawandelfolgen als einen zentralen Problemverstärker berücksichtigen müssen. Eine sozialwissenschaftliche Theoriebildung hat im Feld der sozialwissenschaftlichen Klimaanpassungsforschung kaum stattgefunden und wird auch weiterhin disziplinär ausgerichtet bleiben. Es wird auch weiterhin die Aufgabe zu erfüllen sein, disziplinäre Kenntnisse in interdisziplinären Projekten zu verbinden, sowie reflexive Beiträge zur Klimaforschung zu leisten, die über Politik- und Umsetzungsberatung für nationale und regionale Anpassungsprogramme hinausgehen. Für die damit verbundene Kooperationsarbeit sind neben entsprechenden finanziellen und zeitlichen Ressourcen vor allem ein offener, respekt- und vertrauensvoller Umgang der beteiligten Personen im inter- und transdisziplinären Feld notwendig.

Sybille Bauriedl (Kassel, 20.12.2012)